Der Zwischenraum – das fünfte Element?
Senden, 20. August 2026
Zwischen mir und allem, was mir begegnet, liegt ein Raum.
Zwischen mir und einem anderen Menschen.
Zwischen mir und einem Tier.
Zwischen mir und einem Baum.
Zwischen mir und einer Pflanze.
Und auch zwischen mir und einer kleinen Schnecke.
Diesen Raum nenne ich den Zwischenraum.
Lange habe ich ihn als eine Lücke betrachtet – als den Raum zwischen mir und meinem Gegenüber. Doch immer deutlicher wird mir: Dieser Raum ist nicht leer.
In ihm geschieht Beziehung.
Was geschieht zwischen mir und Dir?
Wenn mir etwas begegnet, entsteht in mir eine Reaktion.
Vielleicht Freude. Vielleicht Dankbarkeit. Vielleicht aber auch Angst, Ärger, Ablehnung oder der Wunsch, das Gegenüber möge verschwinden.
Eine Schnecke frisst an meinem Salat.
Was geschieht nun?
Da bin ich.
Da ist die Schnecke.
Und dazwischen liegt ein Raum.
Die Schnecke ist zunächst einfach eine Schnecke. Doch in meinem Zwischenraum kann sie zum „Schädling“, zum „Feind“, zum Ärgernis werden.
Oder ich beginne zu fragen:
Was geschieht eigentlich zwischen mir und dieser Schnecke?
Plötzlich richtet sich mein Blick nicht mehr ausschließlich auf das Gegenüber. Ich beginne, meine Beziehung zu ihm wahrzunehmen.
Der Zwischenraum als fünftes Element?
Wir kennen die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft.
Und ich frage mich inzwischen:
Ist der Zwischenraum vielleicht wie ein fünftes Element?
Nicht als naturwissenschaftliche Aussage und auch nicht als eine allgemeingültige Lehre. Es ist ein Bild, das sich aus meiner Arbeit mit der Kooperation mit der Natur entwickelt hat.
Für mich ist der Zwischenraum der Raum der Beziehung.
Er verbindet, ohne dass einer der beiden seinen eigenen Platz verlassen muss.
Ich darf an meinem Platz sein.
Du darfst an Deinem Platz sein.
Und zwischen uns darf etwas Neues entstehen.
Dort kann Frieden beginnen
Vielleicht beginnt Frieden nicht erst irgendwo weit draußen in der Welt.
Vielleicht beginnt er genau hier.
In dem kleinen Raum zwischen mir und dem, was mir gerade begegnet.
Wenn ich meinen Zwischenraum wahrnehme, muss ich mein Gegenüber nicht sofort verändern. Ich kann zunächst schauen:
Welche Beziehung habe ich zu dem, was mir begegnet?
Und dann kann sich etwas verändern.
Nicht unbedingt die Schnecke.
Nicht unbedingt der andere Mensch.
Nicht unbedingt die äußere Situation.
Aber die Beziehung.
Der Zwischenraum kann weiter werden. Friedlicher. Freier.
Jeder an seinem Platz
Für mich gehört dazu auch die Ordnung.
Jeder und alles hat seinen Platz.
Ich muss nicht den Platz der Schnecke einnehmen. Die Schnecke muss nicht meinen Platz einnehmen.
Ich darf meine Bedürfnisse wahrnehmen und auch Grenzen setzen. Kooperation bedeutet für mich nicht, alles geschehen zu lassen.
Aber ich kann lernen, dem anderen seinen Platz in der Schöpfung zuzugestehen – und gleichzeitig meinen eigenen einzunehmen.
So entsteht Beziehung statt Kampf.
Frieden in allen Teilen der Schöpfung
Der Gedanke des Zwischenraums reicht für mich weit über unseren Umgang miteinander als Menschen hinaus.
Wie ist mein Zwischenraum zu einer Pflanze?
Zu einem Baum?
Zu einem sogenannten Unkraut?
Zu einem Tier?
Zu meinem Garten?
Zu unserer Mutter Natur?
Und wie ist er zu einer kleinen Schnecke, die gerade dort auftaucht, wo ich sie eigentlich nicht haben möchte?
Vielleicht können wir Frieden in der Welt nicht nur im Großen suchen.
Vielleicht dürfen wir ihn im Kleinsten beginnen lassen.
Zwischen mir und Dir.
In dieser unscheinbaren Lücke.
In diesem Raum der Beziehung.
In meinem Zwischenraum.
Vielleicht ist er für mich tatsächlich wie ein fünftes Element.
Ein Raum, in dem Beziehung geschieht.
Ein Raum, in dem wir einander unseren Platz lassen können.
Und ein Raum, in dem Frieden wachsen darf.
Eine persönliche Sichtweise von Claudia Bosch
Möge sich alles wieder ordnen.
Möge jeder seinen Platz finden und sein Zuhause.
Die Natur und die Schöpfung haben ihre Ordnung. Vielleicht beginnt Frieden dort, wo wir aufhören, gegen diese Ordnung zu kämpfen, und lernen, mit ihr zu kooperieren.
Manchmal schenkt uns die Natur einen Gedanken, der weit über den Garten hinausreicht.
So durfte ich erkennen:
Vielleicht ist dies eine der tiefsten Botschaften der Kooperation mit der Natur:
Kooperation mit der Natur bedeutet, daß jeder seinen Platz und sein Zuhause finden darf.
Die Distel ist nicht falsch.
Die Schnecke ist nicht falsch.
Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen sind nicht falsch.
Alles Lebendige braucht den Ort, an dem es seinem Wesen entsprechend wachsen und gedeihen darf.
Gleichzeitig braucht auch der Mensch den Raum, in dem er sich entfalten, freuen, wohlfühlen, wachsen und sich weiterentwickeln darf.
Plötzlich wurde mir bewusst:
Frieden entsteht nicht dadurch, daß alle am selben Ort bleiben oder denselben Weg gehen.
Frieden entsteht dort, wo jeder sein Zuhause finden darf.
Das gilt für Pflanzen.
Das gilt für Tiere.
Das gilt für Menschen.
Es gilt für Gemeinschaften, Religionen und Weltanschauungen.
Menschen dürfen ihren eigenen Glaubens- und Lebensweg gehen und zugleich die Schöpfung als gemeinsames Zuhause entdecken. Denn die Schöpfung gehört keinem einzelnen Menschen und keiner einzelnen Religion. Sie ist uns allen anvertraut.
Manchmal trennen sich Wege.
Auch das gehört zum Leben.
Doch selbst dann kann der Wunsch bleiben, dass jeder seinen Ort findet, an dem er sich entfalten, zum Wohl anderer wirken, wachsen und in Frieden leben kann.
So darf sich alles wieder ordnen.
So darf jeder seinen Platz finden.
So darf jeder sein Zuhause finden, sich freuen, wohlfühlen, wachsen und sich weiterentwickeln.
So gibt es keine Feinde.
So gibt es keine Verlierer.
Für mich ist das Kooperation mit der Natur.
Sie ist keine neue Religion.
Sie ist eine Kultur des Friedens.
Sie lädt zur Rückverbindung ein – mit sich selbst, mit den Mitmenschen, mit der Schöpfung und mit dem Göttlichen.
Möge sich alles wieder ordnen.
Möge jeder seinen Platz finden.
Möge jeder sein Zuhause finden, sich freuen, wohlfühlen, wachsen und sich weiterentwickeln.
Wenn jeder Teil der Schöpfung – Mensch, Tier und Pflanze – seinen Platz und sein Zuhause finden darf, kann Frieden wachsen.
Religio (Rückverbindung) – Was ist Leben?
Senden, 3. August 2026
Eine persönliche Sichtweise von Claudia Bosch
Für mich ist Kooperation mit der Natur mehr als eine Religion.
Religion wäre dafür zu eng gedacht.
Kooperation mit der Natur ist eine Kultur des Friedens.
Sie lädt dazu ein, die Welt mit den Augen der Natur zu betrachten.
Sie verbindet, was der Mensch oft getrennt hat.
Sie erinnert daran, daß die Natur und die Schöpfung ihre Ordnung haben und jedes Lebewesen seinen Platz und sein Zuhause finden darf.
In diesem Sinn verstehe ich sie als eine ursprüngliche Kultur – einen Urkult des Lebens, der nicht trennt, sondern verbindet.
Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt.
Nicht die Natur steht im Mittelpunkt.
Sondern die lebendige Beziehung zwischen Mensch, Natur und Schöpfung.
Für mich bedeutet Religio Rückverbindung.
Rückverbindung mit sich selbst.
Rückverbindung mit den Mitmenschen.
Rückverbindung mit der Natur.
Rückverbindung mit der Schöpfung.
Rückverbindung mit dem Göttlichen.
Darin liegt für mich Frieden.
Das ist für mich Leben.
Die Kultur des Friedens ist offen für Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen.
Sie möchte keine Religion ersetzen und keine neue Religion gründen.
Sie lädt Menschen ein, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit, miteinander und mit der Schöpfung in Beziehung zu treten.
Darin sehe ich einen wichtigen Unterschied.
Christen dürfen das Vaterunser beten.
Muslime dürfen ihre Gebete sprechen.
Hindus dürfen ihre Tradition leben.
Menschen ohne religiöses Bekenntnis dürfen ihren eigenen Weg gehen.
Und dennoch können sie gemeinsam entdecken, was die Schöpfung uns über Frieden, Beziehung, Verantwortung und das Leben lehren möchte.
Für mich beginnt dort die Rückverbindung.
Nicht in der Trennung.
Sondern in der Verbindung.
Nicht im Gegeneinander.
Sondern im Miteinander.
Nicht in der Uniformität.
Sondern in der Vielfalt.
Kooperation mit der Natur ist für mich eine Kultur des Friedens.
Sie lädt jeden Menschen ein, seinen Platz und sein Zuhause zu finden.
Darin liegt für mich Frieden.
Das ist für mich Leben.